Krisen, Übergänge und Schwellenzeiten

Jenseits von richtig und falsch liegt ein Garten,

dort werde ich dir begegnen.

Rumi

In den letzten Wochen habe ich viel nachgedacht, auch gefühlt, wollte soviel sagen, schreiben und gleichzeitig einfach still sein. Soviel ist in mir in Bewegung in diesen Zeiten. Wie Außen, so Innen. Es gibt aus so vielen Perspektiven etwas zu teilen, hier jetzt mal aus meiner Sicht als Prozessbegleiterin. Ich habe schon einige Menschen durch Krisen begleitet, so weiß ich um die Natur von Übergängen und auch die Chancen, die in der Krise stecken, auch wenn es mich darum nicht weniger hin und her wirft.

 

Eine Krise zeichnet sich dadurch aus, dass etwas Altes nicht mehr trägt, das Neue aber noch nicht sichtbar ist. Zwischen beiden liegt sowas wie eine Schwellenzeit, die den Chrakter des Nicht-Wissens hat, wo es darum geht leer zu werden, sich dem Nicht-Wissen hinzugeben und zu vertrauen. Dafür braucht es viel Mut, denn keine Kontrolle über etwas zu haben, macht Angst und schafft Unsicherheit. Hier liegt aber gleichzeitig die große Chance.

 

In der Prozessbegleitung gestalten wir einen Wandlungsprozess, in der diese Schwellenzeit eine Zeit des All-ein-seins ist, um ohne Ablenkung zu sein und zu hören, was das Leben einem sagen will, was nun ansteht, was es gilt los zu lassen oder was mehr Raum bekommen möchte.

 

Hier tauchen auch Schatten und die eigenen Ressourcen auf, auch der vermeintliche Versuch, alles doch wieder unter Kontrolle bringen zu wollen, indem wir meinen, wie der Hase läuft (und dann schlägt er doch einen Haken).

 

So nehme ich diese Tage und Wochen als eine Art Schwellenzeit und schaue in den Spiegel, der sich mir in meinem persönlichen Leben zeigt, der aber auch kollektiv nicht mehr zu übersehen ist.

 

Die Pandemie hat uns in eine kollektive Schwellenzeit geschubst, wie als wenn wir auch gesellschaftlich still werden müssen, um uns die Chance zu geben, unsere Schwachpunkte und Schatten zu sehen, aber auch um einen Blick auf unsere Ressourcen zu werfen und unsere Schönheit zu sehen. So können wir erkennen, was wirklich dem Leben dient.

 

In meinem Umfeld erlebe ich, dass gerade das verstärkt zu Tage tritt, was eh schon da ist oder schon länger anklopft und gesehen werden will. Auch wird sichtbar, wie wir unser Leben gestaltet haben und inwieweit es uns trägt. Manches wird in Frage gestellt, manches bekommt neue Antworten, manches wird erinnert und nach Hause geholt. Was habe ich für Ressourcen? Wie bin ich vernetzt? Was ist mir wirklich wichtig? Wo habe ich mich verraten? Wovor habe ich Angst?

 

Wenn wir ohne Ablenkung sind, dann können wir dem nicht mehr ausweichen und uns wieder selbst begegnen. Wünsche trauchen auf, aber auch all das, was wir lieber nicht sehen wollen oder verdrängt haben. Die Vorstellung, sich selbst zu begegnen, bereitet vielen Menschen Unbehagen. Aber was, wenn es eine wundervolle Begegnung wird? Was wenn dir der Mensch begegnet, auf den du schon so lange gewartet hast?

 

Viele Menschen erleben gerade große Angst, auch Panik, alte Traumatas werden getriggert und Menschen rutschen teilweise in Psychosen ab.

 

Hier bieten Therapeuten, Pädagogen und Prozessbegleiter Unterstützung und Begleitung an. Auch braucht es viel Selbstfürsorge und Achtsamkeit, auch Aufklärung, Kooperation, Solidarität unter uns Menschen und vor allem Verständnis.

 

Immer wieder finde ich unterschiedliche Theorien, Ansichten, Empfindsamkeiten hier im Netz, die einen Wahrheitsanspruch haben – für mich ist dies auch ein Spiegel unserer Ängste und dem Versuch alles wieder unter Kontrolle zu bringen. Dies ist nur zu menschlich.

 

Der Wandel beginnt für mich da, wo wir schauen, was all das mit uns zu tun hat, was ist meine Wahrheit, wie geht es mir, was fühle ich, was macht mich traurig, was macht mir Sorgen, was wünsche ich mir? Dafür bräuchte es eine Kultur, wo wir unsere Wahrheiten teilen und nebeneinander stehen lassen können ohne Bewertung, um einander wirklich zu verstehen und um voneinander zu lernen.

 

Der Hinrforscher Gerald Hüther sagte mal in einem Vortrag, dass Potentialentfaltung unter Gleichgesinnten nicht möglich ist und Wandel und Ent-wicklung nur funktioniert, wenn wir emotional betroffen sind.

 

Ich glaube, die Chancen stehen aktuell nicht so schlecht, wenn wir uns berühren lassen und die eigene Betroffenheit zu lassen. Und wenn es mir gelingt, mich dem Nicht-Wissen hinzugeben und zu vertrauen, dann gebe ich etwas Größerem die Chance, mit zu wirken und echte Initiation und Transformation ist möglich. Bei dem Gedanken weicht in mir die Angst und es taucht ein Gefühl von De-mut auf. Es fühlt sich gut an und holt mich wieder ins Hier und Jetzt und in die Achtsamkeit.

 

 

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